„KI verlagert den Entwicklungsprozess von Software“

Raymond Kok, CEO von Mendix
Raymond Kok, CEO von MendixBild: ©Kenny Goldberg Photography 2023

Herr Kok, Mendix feierte kürzlich sein 20-jähriges Bestehen. Wie haben sich Low-Code und No-Code-Entwicklung in dieser Zeit verändert?

Raymond Kok: Das Gründungsprinzip von Mendix – die Überbrückung der Kluft zwischen Fachbereichen und IT – ist heute genauso wichtig wie vor 20 Jahren. Doch die Kluft, die wir überbrücken, hat sich verändert. Low-Code hat sich von einem Nischenansatz in der Entwicklung zur Grundlage für das agentenbasierte Unternehmen entwickelt. Anfangs lag der Schwerpunkt hauptsächlich darauf, Business und IT näher zusammenzubringen und die individuelle Automatisierung voranzutreiben. Mit der zunehmenden Reife der Technologie ebnete sie den Weg für das Konzept der ‚Fusion Teams‘, also kollaborativen Teams die Fachwissen und technische Umsetzung vereinen. Low-Code-Plattformen unterstützen diese Teams dabei, Ideen durch visuelle Entwicklung und wiederverwendbare Komponenten schneller in Anwendungen umzusetzen, die Produktivität zu steigern, Altsysteme zu modernisieren und komplexe Geschäftsprozesse zu optimieren. Heute setzt sich diese Entwicklung fort, während wir uns von der Vernetzung menschlicher Teams hin zur Koordination einer hybriden Belegschaft aus Menschen und KI-Agenten bewegen und eine unternehmensweite, skalierbare digitale Transformation vorantreiben. Über die reine Vernetzung von Abteilungen hinaus besteht die neue Herausforderung nun darin, menschliche Intelligenz mit agentischer Autonomie zu verbinden.

Conceptual image of low code as a puzzle combination. 3d rendering
Bild: ©AddMeshCube/stock.adobe.com

Sie selbst stehen seit gut zwei Jahren an der Spitze von Mendix und kamen direkt aus dem Siemens-Konzern. Welche strategische Agenda hatten Sie zu Beginn – und wo sehen Sie Mendix heute im Vergleich zu Ihrem Startpunkt, insbesondere im Hinblick auf KI und die industrielle Ausrichtung?

Als ich diese Position übernahm, war mein Ausgangspunkt stark von meiner Tätigkeit bei Siemens geprägt, wo ich die Plattformentwicklung für Siemens Xcelerator und Industrial IoT leitete. Ich hatte bereits erlebt, was Low-Code in industriellen Umgebungen leisten kann, insbesondere wenn es Betriebsdaten, Unternehmenssysteme und Anwendungsentwicklung miteinander verbindet. Eine meiner Prioritäten war es daher, die Integration von Mendix in das breitere Siemens-Software-Ökosystem zu stärken und es als Anwendungsebene zu positionieren, die diese Technologien zusammenführt. Mehr als zwei Jahre später entwickelt sich Mendix zum verbindenden Element für die Orchestrierung von KI und Mitarbeitenden und hin zu einer agentenbasierten Unternehmensplattform. Wir beobachten eine starke Akzeptanz insbesondere in industriellen und ingenieurorientierten Organisationen, die Geschäftsprozesse digitalisieren, Altsysteme verbinden und Daten aus Maschinen und Betriebsabläufen in moderne Anwendungserlebnisse einbinden wollen.

Gleichzeitig ist KI rasch zu einem zentralen Thema geworden. Für uns spielt sie eine doppelte Rolle. Einerseits hilft die technologie dabei, den Entwicklungsprozess selbst zu beschleunigen, indem sie Entwickler und Fachexperten dabei unterstützt, Anwendungen schneller zu erstellen. Andererseits ermöglicht sie eine neue Generation intelligenter Anwendungen – beispielsweise in Fertigungsumgebungen, in denen KI-Agenten auf der Grundlage einer Live-Ontologie des Unternehmens Schlussfolgerungen ziehen, um komplexe Abläufe zu automatisieren, wie etwa die Anpassung von Lieferkettenverpflichtungen in Echtzeit auf Basis von Daten aus der Fertigung. Letztendlich glaube ich, dass sich die Branche in Richtung eines modellgetriebenen und KI-gestützten Ansatzes für die Entwicklung von Unternehmenssoftware bewegt. Und bei diesem Übergang unterstützt die Mendix-Plattform.

Wie verändert KI die Rolle von Low-Code-Plattformen im industriellen Umfeld?

Agentische KI erweitert die Rolle von Low-Code-Plattformen. Traditionell lag der Schwerpunkt von Low-Code auf der Beschleunigung der Entwicklung von Unternehmensanwendungen. Mit dem Aufkommen von KI-Agenten werden Plattformen zunehmend dazu genutzt, intelligente Systeme in reale Geschäfts- und Produktionsprozesse zu integrieren und zu koordinieren.

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