Dass es sich dabei um keinen Einzelfall handelt, zeigen die Daten der SDA-Plattform selbst: Allein im August lief in den angeschlossenen Werken 4.164-mal auf einer Steuerung etwas anderes als die freigegebene Zielversion, und keine dieser Änderungen war in einer Versionshistorie erfasst.
Welchen Hebel das im Konzernmaßstab entfaltet, wurde am Nachmittag greifbar. Manesh Patel, SVP und Chief Information Officer bei Sanmina, sprach von 70 Fabriken und machte es an einer Linie in Guadalajara konkret: Die Ausfallzeit pro Vorfall sank dort von 40 auf 5 Minuten, der Return on Investment lag nach Darstellung des Unternehmens beim Zehnfachen. Unter regulatorischem Druck wird dieselbe Aufgabe deutlich sperriger, und genau dort setzte Cytiva an, wo nach den Worten von Jesús H. Carrero jede Änderung in einer validierten Umgebung versioniert vorliegen muss. Die größere Hürde ist am Ende allerdings häufig organisatorischer Natur, was Frank Maurer von Boehringer Ingelheim am Beispiel lokal gewachsener OT-Silos zeigte, die sich zu global skalierbaren Services zusammenführen lassen, ohne bestehende Systeme auszutauschen.
Die Zulieferseite kam über SEW-Eurodrive zu Wort. Milan Licina und weitere Vertreter des Unternehmens beschrieben, wie aus einem Antriebshersteller ein Wegbereiter der software-definierten Fabrik wird, sobald er seine Schnittstellen öffnet. Die Maschinenbauer verschoben die Frage anschließend auf ihre Seite des Tisches. Clevertech liefert seine Anlagen nach Darstellung von David Tabacco und Stefano Bolognesi von Beginn an als Software aus, womit der Code vom ersten Tag an lesbar bleibt, statt Jahre später mühsam rekonstruiert werden zu müssen. Deutlich nüchterner fiel die Bilanz von Chris McComb aus, der für ATS Global aus der Erfahrung mit Brownfield-Projekten ziemlich unverblümt benannte, woran Werke scheitern, sobald es vom Pilotprojekt in die Fläche geht. Den Blick von außen steuerte Sebastian Trolli bei, Head of Research für Industrial Automation & Software bei Frost & Sullivan, der die Entkopplung von Software und Hardware einordnete und daran die Frage knüpfte, wohin der Fachkräftemangel die Branche in den kommenden Jahren treibt.
Sicherheit wird zur Voraussetzung
Was geschieht, wenn die Fabrik tatsächlich zu Code wird, bekam am Nachmittag einen eigenen Block. Carlo Pacifico und Rohit Verma von SDA argumentierten, dass OT-Sicherheit damit ihren Charakter verändert: Sie ist nicht länger eine Compliance-Übung am Ende des Projekts, sondern die Bedingung dafür, dass man einer KI überhaupt erlauben kann zu handeln. Wer nicht weiß, welcher Code auf einer Steuerung läuft, kann weder eine Abweichung erkennen noch eine Änderung verantworten. Patric Scholz von Flecs verschob den Blick danach auf die Edge-Ebene, wo sich dieselbe Frage noch einmal neu stellt, nämlich wer dort eigentlich die Kontrolle über die installierte Software behält.
Was SDA angekündigt hat
Neben dem State Layer stellte SDA fünf Erweiterungen seiner Plattform vor. Die gemeinsam mit Autonomy Logic entwickelte OpenPLC-Integration befindet sich derzeit in der Private Preview, die allgemeine Verfügbarkeit ist für Mitte Oktober vorgesehen. Werke können OpenPLC-Steuerungen damit direkt im Browser programmieren, bereitstellen und sichern, mit derselben Versionierung und demselben Audit-Trail wie bei proprietären Plattformen. Mit individuellen Images für IDE-as-a-Service erhalten Engineering-Teams ihre komplette Arbeitsumgebung samt IDE-Version, Bibliotheken und Lizenzen als persistente Cloud-Workstation. Der neue Octoplant-Import übernimmt bestehende Backup-Archive mit vollständiger Versionshistorie in SDA. Mit dem Local Client können Techniker in abgeschotteten Netzen offline arbeiten; die Synchronisation erfolgt automatisch, sobald wieder eine Verbindung besteht. Deployment Approvals schließlich verankern das Vier-Augen-Prinzip vor jeder Übertragung auf eine Steuerung: Keine Änderung erreicht die Maschine auf die Verantwortung einer einzelnen Person hin.
Offenheit als Bedingung
Bemerkenswert war, wie offensiv Waltl die Frage nach der Offenheit dieser Schicht selbst aufwarf. Eine Ebene von dieser Tiefe dürfe nicht zum nächsten proprietären Turm werden, was stabile Schnittstellen, agentenfähige Zugänge für Software-Agenten und den Verzicht auf jeden Daten-Lock-in voraussetze. Die alte Welt habe die Fabrik hinter einer Toolchain pro Hersteller eingeschlossen, und diesen Fehler wolle man nicht eine Ebene höher wiederholen. Wer eigene Anwendungen auf dem State Layer bauen will, ist ausdrücklich eingeladen. Wie ernst das gemeint ist, zeigte der Auftritt von Thiago Alves, Gründer von Autonomy Logic und Kopf hinter OpenPLC, der auf derselben Bühne für quelloffene Software auf der Steuerungsebene warb.
















