
Die Softwareentwicklung hat sich innerhalb kürzester Zeit verändert. Mit Tools wie GitHub Copilot, Cursor oder Claude Code ähnelt künstliche Intelligenz einem Mitarbeiter. Ingenieure müssen weniger Aufwand für Syntax und Boilerplate betreiben, dafür mehr für Systemdesign.
In der Hardware-Entwicklung, sei es in der Automobilindustrie, im Luft- und Raumfahrt-Sektor sowie in Energie oder Robotik, ist die Realität noch eine ganz andere. Trotz leistungsfähiger Simulationswerkzeuge und moderner Recheninfrastruktur ist die Kernarbeit des physikbasierten Modellierens seit Jahrzehnten nahezu unverändert geblieben. Ingenieure verbringen viel Zeit damit, Modelle aufzubauen, Teilsysteme zu koppeln und Ergebnisse zu validieren. Dieser Aufwand bremst die Entwicklung.

Warum Hardware eine andere KI braucht
Der Unterschied liegt in der Struktur der Arbeit. Softwarecode ist gleichzeitig Spezifikation und Implementierung, Fehler sind lokal und reversibel. Die Hardware-Modellierung arbeitet dagegen über Interpretationsebenen: Anforderungen müssen in Modelle übersetzt werden, physikalische Vorgänge müssen diskretisiert und Annahmen explizit gemacht werden. Die Validierung stützt sich auf ingenieurstechnisches Urteil und Expertise, nicht nur auf formale Prüfkriterien und oft auf physische Prototypen und Prüfstandstests, die wiederum Kosten, Zeitaufwand und Irreversibilität mitbringen.
Agiert eine KI einfach nur schneller, ohne die Systemstruktur zu verstehen, produziert sie Ergebnisse, die plausibel klingen, aber physikalisch falsch sein können. Geschwindigkeit ohne Genauigkeit schadet hier mehr als sie nützt. Jede sinnvolle KI-Anwendung in der Hardware-Entwicklung muss daher auf der Ebene von Modellen, Randbedingungen und physikalischen Gesetzen operieren, nicht nur auf der Ebene der numerischen Ausführung.

Zeitgewinn statt Datensafari
Beispiel – Modellieren eines Reibungsbremssystems für ein Elektrofahrzeug: Traditionell definiert ein Ingenieur dafür zunächst Geometrie und Parameter und baut mechanische sowie thermische Teilsysteme auf. Mechanisches Drehmoment, Reibungskontakt, Wärmeerzeugung, Wärmeableitung und regenerative Bremsstrategien müssen integriert werden. Jeder Schritt erfordert Fachwissen. Bereits ein einziger Vorzeichenfehler kann Ergebnisse kritisch verfälschen – und das oft ohne offensichtlichen Fehler, weil die Resultate auf den ersten Blick plausibel aussehen, auch wenn sie gegen physikalische Prinzipien verstoßen.
Was diesen Prozess besonders verlangsamt, ist die sogenannte ‚Datensafari‘: Selbst wenn die physikalischen Zusammenhänge verstanden sind, stockt der Fortschritt bei der Suche nach Parameterwerten. Materialeigenschaften, empirische Koeffizienten, Herstellerspezifikationen und ältere Testergebnisse sind über Datenblätter, Normen und institutionelles Gedächtnis verstreut. Das Auffinden, Validieren und Abgleichen dieser Eingaben kann so viel Aufwand erfordern wie die Modellerstellung selbst. Ein KI-Agent, der Parameterwerte systematisch recherchiert, abgleicht und dokumentiert, kann hier unterstützen. Nicht weil er das technische Urteil ersetzt, sondern weil er eine der zeitaufwändigsten Phasen des Workflows beschleunigt. KI-Agenten generieren systematisch Validierungsfälle, legen Annahmen in Modellstruktur und Parametern offen und dokumentieren Entscheidungen prüfbar.

Agenten brauchen Physikverständnis
Sie entfalten ihren Mehrwert dann, wenn sie handeln, Ergebnisse beobachten und ihren Ansatz schnell anpassen können. Dafür bedarf es mehr als ein großes Sprachmodell: Die KI benötigt formale Darstellungen der Physik, die sowohl aussagekräftig als auch maschinell interpretierbar sind. Erhaltungssätze müssen durchgesetzt, Annahmen explizit und Ergebnisse auf Gleichungen und Parameter zurückführbar sein.

















